Timm Ulrichs – Ego-zentrischer Steinkreis (1977)

Mit dem „Ego-zentrischen Steinkreis“ bestimmt Timm Ulrichs, (1940 – 2026) seinen eigenen Körper als Ausgangsgröße. An einem Standort an einer Feldeinfahrt markierte Ulrichs zunächst einen Weg mit einer Breite von 1,80 m, der in einen inneren Kreis mit einem Radius von 1,80 m führt. Die Maße entsprechen seiner eigenen Körpergröße. Aus diesem abgesteckten Handlungsraum heraus agierte er: Über mehrere Wochen warf er vom Mittelpunkt aus verschiedene Steine so weit wie seine physischen Kräfte es zuließen, bis er zur körperlichen Verausgabung gelangte.

Gravitation und Körperkraft bilden die Parameter der Ordnung, die die Sortierung des Steinkreises bestimmen. Am äußeren Rand des etwa 50 m im Durchmesser messenden Zirkels liegen kleinere Steinchen in lockerer Streuung, die allmählich in die umgebende Landschaft übergehen. Je näher man dem Zentrum kommt, desto schwerer und größer werden die Gesteinsbrocken, die sich nach und nach zu einem flachen Wall auftürmen. Durch den Weg und die frei bleibende Kreisfläche in der Mitte entsteht eine Gegenform zu dem gleichmäßig nach außen auslaufenden Kreis, die einem Schlüsselloch ähnelt.

Timm Ulrichs spielt mit der bedeutungserzeugenden Geometrie des Steinzirkels, die Assoziationen an ritualisierte Plätze wie beispielsweise Stonehenge weckt. Diese gemeinschaftskonstituierenden Wirkungsstätten gelten oft als Ausgangspunkte der Land Art, die ebenfalls mit Symbolik und Zeichenhaftigkeit arbeitet. Indem Ulrichs seine Arbeit auf das Individuum reduziert – auf sich selbst als Künstler – wird sie zu einer selbst errichteten Personen-Kultstätte, deren Bedeutung nicht auf die Gemeinschaft übertragbar scheint. Damit kehrt er Strategien von Earthworks und Land Art ins Gegenteil und hinterfragt sie kritisch.

1961 gründete Timm Ulrichs die Werbezentrale für Totalkunst & Banalismus, ein Gesamtkonzept, mit dem er tradierte Wahrnehmungsmuster konsequent hinterfragte. Viele seiner innovativen Konzepte der Gegenwartskunst wurden bereits in den 1970er Jahren antizipiert. Von 1972 bis 2005 war der „Totalkünstler“, wie er sich selbst nennt, Professor an der Kunstakademie Münster.