Micha Ullman — Waage (1990)

Der israelische Künstler, 1939 in Tel Aviv geboren, kam 1989 als DAAD-Stipendiat nach Berlin und war bis 2005 Professor an der Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart. Er arbeitet mit der Präzision eines Statikers, weshalb viele seiner Werke als architekturale Skulpturen bezeichnet werden können. Auch die „Waage“ orientiert sich an einem klaren Maß: Der Grundriss entspricht dem eines kleinen Hauses und wurde von Micha Ullman auf den Zentimeter genau berechnet.

Für die Umsetzung wurde das Erdreich innerhalb einer rechteckigen Grube abgetragen, um große Vlies-Säcke – ein Material aus dem Deichbau – zu befüllen, die übereinander gestapelt in der Grube verborgen sind. Auf diesen Sockeln wurden zwei gleich große und gleich schwere rechteckige Stahlrahmen exakt platziert, die ebenfalls mit Erde gefüllt und mit Grassoden organisch in die Umgebung eingepasst wurden. Auch formal passt sich die skulpturale Arbeit ihrer Umgebung an: Ihre Kanten liegen auf gleicher Höhe mit der sie umgebenden Wiese, und ein gleichmäßiger Abstand zwischen den Schalen sowie zum Rand der Grube grenzt die beiden Formen klar voneinander ab.

Der aufwändige Entstehungsprozess, der schweres Gerät erforderte, steht im Kontrast zu der stillen, meditativen Wirkung der Arbeit, die Micha Ullman im absoluten Gleichgewicht konzipiert hat. Zugleich birgt die „Waage“ das Potenzial zur Weiterentwicklung durch die Zufallskomponente Natur: Erosion und Pflanzenwuchs verändern die Arbeit kontinuierlich, wodurch auch die Natur ihr Gleichgewicht immer wieder herstellt.

Micha Ullman realisiert seine ortsspezifischen Installationen zumeist durch Eingrabungen und thematisiert damit sowohl die Material- als auch die Symbolkraft von Sand und Erde. Seine erste Grube in Deutschland schuf er 1987 zur Documenta 8 in der Karlswiese. Weitere Arbeiten von ihm sind seit den 1970er Jahren im deutschen Außenraum präsent. Ein wesentlicher Teil seines Werkes beschäftigt sich zudem mit der deutsch-jüdischen Vergangenheit.