ODIOUS — Be-Züge (1985)

Ihre Kunst war auf den ersten Blick rostig, widerständig und gegen etablierte Sehgewohnheiten gerichtet. Und sie entstand immer im Kollektiv. „Odious“, dass bedeutet im Englischen nicht mehr und nicht weniger als abscheulich, hässlich, widerwärtig. Es passt zum wilden Zeitgeist der frühen 1980er Jahre, dass sich eine aus der Berliner Hochschule der Künste hervorgegangene Stahlbildhauergruppe, die ihr Material und ihre Inspiration von den Schrottplätzen und Industriebrachen des damals isolierten West-Berlin bezog, einen Namen gab, der eher nach Punkband als nach Kunstakademie klang. Odious, das waren die zwischen 1940 und 1957 geborenen Künstler Gisela von Bruchhausen, Klaus Duschat, Klaus H. Hartmann, Gustav Reinhardt, Hartmut Stielow und David Lee Thompson. Mittlerweile hat sich die Künstlergruppe aufgelöst.

Frei nach dem Motto „Schrott ist schön“ genoss Odious in den 1980er Jahren eine gewisse Prominenz und wurde von der Berliner Kulturpolitik sogar auf eine bundesweite Ausstellungstournee geschickt. Ihre 1985 unweit einer stillgelegten Bahnlinie bei Neuenkirchen realisierte Arbeit „Be-Züge“ bringt in einer abstrakten Anordnung Findlinge und an Bahnschienen erinnernde Stahlelemente zusammen. Diese sind jedoch an der Oberseite mit Rundungen und an der Unterseite mit dreieckigen, an ein Sägeblatt oder eine Egge erinnernden Stahlspitzen versehen. Stumpfes und Wehrhaftes treffen da aufeinander. Einige Meter weiter leiten zwei große, schräg aufgestellte Stahlplatten, zwischen denen sich eine Art Sehschlitz befindet, der von einer rostigen Stahlwalze bekrönt ist, den Betrachterblick in Richtung eines kleinen Sees. Trotz der brachial wirkenden Materialität: Die Gruppe Odious verstand ihre Kunst keineswegs nur als provokante, gegen das Establishment in Kunst und Gesellschaft gerichtete Geste. Vielmehr bezog sie ihre Inspirationen durchaus auch aus der Auseinandersetzung mit dem Werk ihres Hochschullehrers Bernd Heiliger oder der britischen und amerikanischen Tradition der abstrakten Stahlskulptur für die etwa Künstler wie Anthony Caro, David Smith oder Alexander Calder stehen.