Jan Meyer-Rogge — Aufgebäumter Stamm (1978 / 2006)

Ein aufrecht stehender Baumstamm wird von 32 Stahlseilen gehalten, die mit einem Radius von etwa zehn Metern in regelmäßigen Abständen kreisförmig im Boden verankert sind. Geht man durch die Stahlseile hindurch auf den Stamm zu, spürt man sofort eine Veränderung der Wahrnehmung: Man meint einen Binnenraum zu betreten, der den eigenen Körper schützend umfängt. Die kegelförmige Gesamtstruktur der Plastik erscheint dabei wie das Gerüst einer Jurte. Die Umgebung ist jedoch nicht durch eine Zelthaut ausgegrenzt, sondern weiterhin wahrnehmbar und doch sind wir von ihr getrennt. Wir befinden uns in einem Zwischenraum, der sowohl draußen als auch drinnen ist. Diese Balance zwischen zwei Zuständen ist eines der Hauptmerkmale dieser Arbeit. Sie rührt vor allem daher, dass der Künstler die Kausalzusammenhänge der Scheinarchitektur immer wieder umkehrt. Der Baum steht auf dem Kopf: Wo sich eigentlich die Baumkrone befinden müsste, ist seine entwurzelte Basis zu sehen, der Blick des Betrachters wird an den Stahlseilen entlang entgegen der eigentlichen Wuchsrichtung wieder zum Boden geführt. Rekonstruieren die Schnüre das einstige Blatt- oder das Wurzelwerk? Oder beides gleichzeitig? Wird der Baum von den Seilen gehalten oder ist er der tragende Pfeiler, der seinerseits die Stränge hält? Die von Jan Meyer-Rogge immer wieder vertauschte Zuordnung von Gewachsenem und Gebautem vertieft die Widersprüchlichkeit in der Wahrnehmung. Naturgemäß strebt der Baumstamm der Gravitation entgegen, während die Architektur den Gesetzen der Statik und Schwerkraft gehorchen muss. Hier ist dies nicht so, die Arbeit bleibt in der Schwebe und verkörpert damit die Balance. Das Austarieren zwischen Innen und Außen, Fallen und Halten oder Freiheit und Bindung ist essentiell für das gesamte künstlerische Werk des 1935 geborenen Hamburgers Jan Meyer-Rogge. In „Aufgebäumter Stamm“ wird dies nicht nur rational, sondern in der Interaktion mit der Plastik vor allem körperlich erfahrbar.