Die künstlerische Praxis des Bildhauers Thomas Rentmeisters bewegt sich im Spannungsfeld zwischen Skulptur und Installation. Mit einem experimentellen, oft spielerisch anmutenden Zugriff überschreitet er Grenzen des Ästhetischen und führt Alltagsgegenstände, Konsumprodukte oder Lebensmittel aus ihrem vertrauten Zusammenhang heraus. Losgelöst von ihrer Funktion erscheinen sie als reine Formen, die in unerwarteten, bisweilen absurden Konstellationen neu gelesen werden können.
Für seine Ausstellung im Springhornhof begann Rentmeister Monate zuvor mit der Suche nach geeigneten Materialien in Industrie- und Handwerksbetrieben der Region. Die Funde – Metallteile aus der Gießerei G.A. Röders GmbH in Soltau, Filz aus der Soltauer Filzfabrik sowie Hölzer vom Hof der Hartböhner Zimmerleute – kombinierte er mit Materialien aus seinem eigenen Lager und entwickelte daraus vier neue Rauminstallationen.
Im Erdgeschoss erstreckt sich „Brookland“. Alte Holzbalken wurden zu Plattformen und Stegen zusammengefügt und bilden die Basis für kantige Objekte aus rostigem Stahl. Es handelt sich um ausgediente Gussformen aus der Serienfertigung von Bauteilen aus Aluminium oder Zink. Hier erinnern ihre wuchtigen Strukturen an brutalistische Architekturen, an Hochöfen oder an Entwürfe von Le Corbusier. Ihre Silhouette fügt sich zu einer rauen „Skyline“. Die Hohlformen in ihrem Inneren bleiben dem Auge verborgen. Der Gegensatz dieses wuchtigen Arrangements zu der fragilen Kombination von Ästen mit langen Glasröhren im Raum dahinter könnte kaum größer sein.
Eine Etage höher verrät eine kleine bizarr anmutende Skulptur, was im Inneren solcher Gussformen hergestellt wird. Man erkennt Umrisse von Flugzeugtisch-Seitenbügeln, allerdings handelt es sich um Fehlgüsse, die nicht entgratet und poliert, sondern aufgrund mangelnder Qualität aussortiert wurden. Gegenüber sind silbrig glänzende Zinkbarren, das Rohmaterial für den Metallguss, zu Türmen gestapelt und in eine sanft geschwungene „Landschaft“ aus nougatfarbenem Filz eingefügt. „On Physical Grounds“ ist der Titel dieser Bodeninstallation, was sich mit „Auf materieller Grundlage“ übersetzen lässt. Es handelt sich zugleich um den Titel der gesamten Ausstellung und nimmt Bezug auf ein wesentliches Moment bildhauerischer Praxis: die Eigenschaften und Wirkungen von Stofflichkeit im Raum.

Spinst, 2025 (Foto: Bernd Borchardt)
Im letzten und höchsten Raum breitet sich „Spinst“ aus: Eine weit ausgreifende Unterkonstruktion ist bedeckt mit Bergen von Wäschestücken in allen Schattierungen der Farbe Weiss. Die Bettbezüge, Hemden und Blusen, oft getragen und gewaschen, tragen die Spuren gelebten Alltags. Ihr Geruch ruft persönliche Erinnerungen wach, während die amorphen Stoffmassen zugleich Assoziationen an Tropfsteinhöhlen oder ein gespenstisches Wesen hervorrufen. „Spinst“ lädt zum Umgehen, Durchwandern und Ertasten ein – ein sinnliches Erlebnis zwischen Intimität und Monumentalität.
Rentmeisters Werke sind geprägt von der Lust am Experiment und der Offenheit gegenüber dem Prozesshaften. Material dient ihm nicht allein als Mittel zur Formgebung, sondern als eigenständiger Akteur, der Bedeutungen trägt, verschiebt und verunklärt. Zwischen Ironie und Ernst, zwischen Überfluss und Reduktion schafft er Situationen, die Wahrnehmungsgewohnheiten irritieren und neue Deutungsräume eröffnen. So verweist sein Werk auf die Vielschichtigkeit des Alltäglichen – und auf das Potential, das darin verborgen liegt.
Thomas Rentmeister (*1964 in Reken/Westfalen) ist seit 2009 Professor für Skulptur an der HBK Braunschweig. Seine Arbeiten sind international ausgestellt und in bedeutenden Museen vertreten, etwa im Museum Ludwig, im Museum Boijmans van Beuningen, im Hamburger Bahnhof und im Sprengel Museum Hannover.
Der zweite Teil der Ausstellung ist bis 19. Oktober im Kunstverein Buchholz zu sehen. Dort präsentiert Thomas Rentmeister eine Serie großformatiger Collagen aus Buntstiften, sowie Klebstoffen und weiteren Materialien.
Kunstverein Buchholz / Kirchenstr. 6 / 21244 Buchholz / Do & Fr 16 – 18 Uhr / Sa & So 12 – 17 Uhr
Wir danken der Stiftung Niedersachsen und dem Lüneburgischen Landschaftsverband für die Förderung der beiden Ausstellungen
Die künstlerische Praxis des Bildhauers Thomas Rentmeisters bewegt sich im Spannungsfeld zwischen Skulptur und Installation. Mit einem experimentellen, oft spielerisch anmutenden Zugriff überschreitet er Grenzen des Ästhetischen und führt Alltagsgegenstände, Konsumprodukte oder Lebensmittel aus ihrem vertrauten Zusammenhang heraus. Losgelöst von ihrer Funktion erscheinen sie als reine Formen, die in unerwarteten, bisweilen absurden Konstellationen neu gelesen werden können.
Für seine Ausstellung im Springhornhof begann Rentmeister Monate zuvor mit der Suche nach geeigneten Materialien in Industrie- und Handwerksbetrieben der Region. Die Funde – Metallteile aus der Gießerei G.A. Röders GmbH in Soltau, Filz aus der Soltauer Filzfabrik sowie Hölzer vom Hof der Hartböhner Zimmerleute – kombinierte er mit Materialien aus seinem eigenen Lager und entwickelte daraus vier neue Rauminstallationen.
Im Erdgeschoss erstreckt sich „Brookland“. Alte Holzbalken wurden zu Plattformen und Stegen zusammengefügt und bilden die Basis für kantige Objekte aus rostigem Stahl. Es handelt sich um ausgediente Gussformen aus der Serienfertigung von Bauteilen aus Aluminium oder Zink. Hier erinnern ihre wuchtigen Strukturen an brutalistische Architekturen, an Hochöfen oder an Entwürfe von Le Corbusier. Ihre Silhouette fügt sich zu einer rauen „Skyline“. Die Hohlformen in ihrem Inneren bleiben dem Auge verborgen. Der Gegensatz dieses wuchtigen Arrangements zu der fragilen Kombination von Ästen mit langen Glasröhren im Raum dahinter könnte kaum größer sein.
Eine Etage höher verrät eine kleine bizarr anmutende Skulptur, was im Inneren solcher Gussformen hergestellt wird. Man erkennt Umrisse von Flugzeugtisch-Seitenbügeln, allerdings handelt es sich um Fehlgüsse, die nicht entgratet und poliert, sondern aufgrund mangelnder Qualität aussortiert wurden. Gegenüber sind silbrig glänzende Zinkbarren, das Rohmaterial für den Metallguss, zu Türmen gestapelt und in eine sanft geschwungene „Landschaft“ aus nougatfarbenem Filz eingefügt. „On Physical Grounds“ ist der Titel dieser Bodeninstallation, was sich mit „Auf materieller Grundlage“ übersetzen lässt. Es handelt sich zugleich um den Titel der gesamten Ausstellung und nimmt Bezug auf ein wesentliches Moment bildhauerischer Praxis: die Eigenschaften und Wirkungen von Stofflichkeit im Raum.

Spinst, 2025 (Foto: Bernd Borchardt)
Im letzten und höchsten Raum breitet sich „Spinst“ aus: Eine weit ausgreifende Unterkonstruktion ist bedeckt mit Bergen von Wäschestücken in allen Schattierungen der Farbe Weiss. Die Bettbezüge, Hemden und Blusen, oft getragen und gewaschen, tragen die Spuren gelebten Alltags. Ihr Geruch ruft persönliche Erinnerungen wach, während die amorphen Stoffmassen zugleich Assoziationen an Tropfsteinhöhlen oder ein gespenstisches Wesen hervorrufen. „Spinst“ lädt zum Umgehen, Durchwandern und Ertasten ein – ein sinnliches Erlebnis zwischen Intimität und Monumentalität.
Rentmeisters Werke sind geprägt von der Lust am Experiment und der Offenheit gegenüber dem Prozesshaften. Material dient ihm nicht allein als Mittel zur Formgebung, sondern als eigenständiger Akteur, der Bedeutungen trägt, verschiebt und verunklärt. Zwischen Ironie und Ernst, zwischen Überfluss und Reduktion schafft er Situationen, die Wahrnehmungsgewohnheiten irritieren und neue Deutungsräume eröffnen. So verweist sein Werk auf die Vielschichtigkeit des Alltäglichen – und auf das Potential, das darin verborgen liegt.
Thomas Rentmeister (*1964 in Reken/Westfalen) ist seit 2009 Professor für Skulptur an der HBK Braunschweig. Seine Arbeiten sind international ausgestellt und in bedeutenden Museen vertreten, etwa im Museum Ludwig, im Museum Boijmans van Beuningen, im Hamburger Bahnhof und im Sprengel Museum Hannover.
Der zweite Teil der Ausstellung ist bis 19. Oktober im Kunstverein Buchholz zu sehen. Dort präsentiert Thomas Rentmeister eine Serie großformatiger Collagen aus Buntstiften, sowie Klebstoffen und weiteren Materialien.
Kunstverein Buchholz / Kirchenstr. 6 / 21244 Buchholz / Do & Fr 16 – 18 Uhr / Sa & So 12 – 17 Uhr
Wir danken der Stiftung Niedersachsen und dem Lüneburgischen Landschaftsverband für die Förderung der beiden Ausstellungen
20. September 2025 – 16. Dezember 2025
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