Anna Gudjónsdóttir — Sieben Ansichten von einer Wiese mit Pflaumenbaum (2003)

photo: Fred Dott, Hamburg

Anna Gudjónsdóttir hat auf waldgesäumter Wiese in der Lüneburger Heide einen Fremdkörper hinterlassen: Hier, wo die natürliche Vegetation in vom Menschen kultiviertes Gelände übergeht, fügt sich ihr wirklichkeitsgetreuer Bronzeabguss eines Pflaumenbaums fast nahtlos ein. Allerdings zeigt sich der Baum im Wandel der Jahreszeiten in einem konstanten Zustand winterlicher Blattlosigkeit. Je nach Saison fällt er mehr oder weniger aus der Rolle. Ausschnitte der Wiese samt Waldstück und Pflaumenbaum tauchen in einem wandfüllenden Gemälde auf dem Dachboden eines nahegelegenen Bauernhauses wieder auf. Im Bild wird der Baum in unterschiedlichen Stadien der Blüte und der Kargheit neben bruchstückhaften Ansichten von Wiese und Wald vom weiteren Illusionsraum einer mehrfach gebrochenen Vitrinenstruktur gerahmt. In ihrem Doppelwerk „Sieben Ansichten von einer Wiese mit Pflaumenbaum“ verpflanzt die 1958 in Reykjavik geborene, in Hamburg lebende Malerin ihre Kunst in die Landschaft und die Landschaft in ihre Kunst. Das multiperspektivische Zusammenspiel der Wirklichkeiten führt vor Augen, dass „Landschaft“ immer schon eine Konstruktion ist, die sich aus der Kunst- und Kulturgeschichte speist.

Die mehrfach ausgezeichnete Künstlerin studierte an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg bei Franz Erhard Walther, wo sie, neben einer Dozentur an der Kunsthochschule in Reykjavik, auch selbst als Gastprofessorin lehrte. In ihren Arbeiten untersucht sie die Darstellung und Wahrnehmung von Natur und Landschaft Epochen und Länder übergreifend. 1993 initiierte sie das „Museum ferner Gegenden“ und gründete 1996 gemeinsam mit dem Künstler Till Krause die „Galerie für Landschaftskunst“ in Hamburg, der sie bis 2003 als Co-Leiterin vorstand. Ausgehend von der urwüchsigen Topografie ihrer isländischen Heimat begibt sie sich weiterhin auf die Spur der Bilder und Vorstellungen, die unsere Auffassung von „Natur“ prägen. Ihre zunehmend abstrakten, vielschichtigen Farbräume deuten Landschaften heute oft nur noch an: Auslöser für Reisen, die im Kopf der Betrachter Gestalt annehmen.