Claus Bury – Der Augenblick (1989)

Die klar konturierte Holzkonstruktion des 1946 in Gelnhausen geborenen, in Frankfurt lebenden Künstlers Claus Bury wirkt wie eine in die Höhe strebende Kreuzung aus Haus, Turm und Bühne. Eine schmale Passage führt durch sie. Seitliche Stufen bieten Zugang ins Innere: ein von gegenüberliegenden Treppen gefasster Raum mit schrägen Wänden, der nach oben zum Himmel geöffnet ist. Die Innentreppen sind als Sitzbänke konzipiert. Von hier aus kann man in die vorbeiziehenden Wolken blicken und zur Ruhe kommen. Erklimmt man die obersten Stufen, ist auch ein Blick über den Rand der Wände in die Landschaft möglich. Doch Burys Schau-Platz ist weniger auf die Umgebung gerichtet. Vielmehr fordert er dazu auf, die Weite über unseren Köpfen wahrzunehmen und die Sicht introspektiv nach innen zu wenden.

Das Spiel mit geschlossenen und offenen Gefügen, Innen- und Außenräumen zieht sich durch das Werk des Künstlers hindurch. Seine von Treppen und Plattformen charakterisierten architektonischen Skulpturen, die seit Ende der 1970er Jahre ortsspezifisch in landschaftlichen und urbanen Arealen entstehen, sind als interaktive Flächen angelegt, auf denen die Betrachter zu Handelnden werden oder, wie in „Der Augenblick“, zur meditativen Einkehr eingeladen werden. Die mathematische Fibonacci-Folge und der Goldene Schnitt sind durchgängige Parameter in Burys oft in monumentalen Formaten umgesetzten Gestaltungen. Dass seine meist begehbaren Skulpturen nicht nur als Orte des Beschreitens, sondern des Verweilens gedacht sind, belegt auch Burys 2010 von der Stadt Gelnhausen erworbene, durchlässige Riesenstruktur „Gewächshaus für Gedanken“. Innehalten und eintauchen: Beim Aufenthalt in „Der Augenblick“ findet der Heide-Wanderer Muße, den eigenen (Seelen-)Landschaften nachzugehen.