Horst Hellinger — Augenwaider (1988)

Einst stach die kantige rote Struktur als Irritationsmoment aus ihrer Umgebung hervor. Heute ist sie Teil der Landschaft, die um sie herum stetig weiter gewachsen ist. Die von Horst Hellinger geschaffene begehbare Skulptur „Augenwaider“ ist in mehrfacher Hinsicht ein „Blickfang“: Sie zieht die Aufmerksamkeit auf ihren Standort zwischen Feldern, Wald und Wiesen. Und lenkt das Auge, wenn man sie betritt, in vier verschiedene Himmelsrichtungen. Aus zwei Gängen bestehend, die einander in der Mitte kreuzen, bezieht sie sich auf historische Sakralbauten. Jede Sichtachse gibt von ihrem Zentrum aus einen anderen Ausschnitt des Terrains frei: Birken, Grasflächen, die Ortschaften Neuenkirchen und Brochdorf, wechselnde Bilder einer Wirklichkeit im Wandel. Grundfigur des symmetrischen Gebildes ist die Tür. Ein Element, das im Werk des 1946 in Frontheim/Lübbecke geborenen, 1999 in Hamburg verstorbenen Künstlers wiederholt zum Einsatz kommt. Zusätzliche Öffnungen in zeichenhaften Formen durchziehen wie Blessuren die Oberfläche der Skulptur. Die Perforationen lassen von außen Sonnenlicht und Regen einfallen. Von innen werden Landschaftssplitter sichtbar, und winzige Fragmente des Firmaments.

Im Werk des Künstlers, der in Hamburg lebte und arbeitete, verfließen verschiedene ästhetische Stränge. Parallel zur bildnerischen Materialbearbeitung setzte sich Hellinger mit Fundstücken auseinander. „Hemmungslos sammelnd streifte ich durch Ruinen, Bunker, verlassene Industriegelände, Fabriken, Werften, Schrottplätze und ähnliches mehr“, schreibt er in einem Text von 1984. Rostiges Alteisen, beispielsweise, integrierte er ebenso in seine Kunst wie markante Steine, die er in der Landschaft auflas oder an Ort und Stelle festnagelte. Die Entdeckung eines Fundstücks ist bei Hellinger Teil des kreativen Akts. Auch eine Landschaft kann immer wieder neu „gefunden“ und entdeckt werden: So etwa durch die Blicköffnungen am Kreuzungspunkt seiner Seh-Gänge in der Heide.