Horst Lerche — Das blaue Haus (1987)
Auf einer Waldlichtung entdeckt, wer ein wenig vom Weg abweicht, eine blaue Balkenkonstruktion. Die vier Meter hohe Struktur, die an ein Fachwerkhaus erinnert, hat einen Grundriss von 4,6 × 4,6 Metern. 16 vertikale Ständer sind auf dünnen Stahlzapfen montiert, die auf Steinen ruhen, welche im Erdboden verankert sind. Das transparente Haus mit klassischem Giebeldach scheint in der Landschaft zu schweben. Der Betrachter wird beim Umschreiten und Eintreten zum Auskundschafter dieses dysfunktionalen Fremdkörpers. Landschaft und Konstruktion, Innen und Außen, systematische Ordnung und unkontrollierte Natur treten in ein dialogisches Spannungsfeld.
Errichtet wurde das „Blaue Haus“ 1987 von dem 1938 in Hamburg geborenen Maler Horst Lerche. Lerche überwindet in seinen Arbeiten die Grenzen des Tafelbildes und schafft architektonische Erlebnisräume. Durch die Verwendung der Farbe Blau verweist er auf Himmel und Wasser. Zugleich symbolisiert das Blau Sehnsucht, Harmonie und Klarheit. In der Literatur der Romantik spielt die „Blaue Blume“ eine zentrale Rolle: Sie steht für das metaphysische Streben nach Erkenntnis der Natur.
Die Transparenz des Raumgerüsts lässt sich zu unterschiedlichen Tageszeiten und je nach Lichtintensität jeweils anders erfahren. Das Blau wirkt mal matt, dann wieder strahlend und klar. Die scheinbare Einfachheit der Konstruktion entpuppt sich bei näherem Hinsehen und je nach Betrachterstandpunkt als durchaus komplex. Verschiedene Blickachsen und Durchblicke eröffnen differenzierte Landschaftsausschnitte und von der Malerei inspirierte Felder. Gleichzeitig stellt „Das Blaue Haus“ in seiner streng-formalen Materialität den Prototyp eines nicht funktionalen Bauwerks dar. Insofern könnte man es auch als ironischen Kommentar zu der kulturgeschichtlich wohl berühmtesten selbst errichteten Blockhütte im Wald lesen: In diese hatte sich der amerikanische Schriftsteller Henry David Thoreau (1817–1862), einer der Vordenker des zivilen Ungehorsams und alternativer Lebensformen, Mitte des 19. Jahrhunderts zurückgezogen, um sein programmatisches Hauptwerk „Walden oder Leben in den Wäldern“ zu verfassen.
