Igael Tumarkin — Gleichtag (1983)
An einer Weggabelung in der Gemarkung Brochdorf zieht eine hoch aufragende, geneigte Skulptur die Aufmerksamkeit der Vorbeikommenden auf sich. 1983 kam der israelische Künstler Igael Tumarkin in die Lüneburger Heide, um dieses poetische, funktionslose, aber dennoch stark symbolträchtige Werk zu realisieren. Der Titel „Gleichtag“ ist eine Übersetzung aus dem Hebräischen und bedeutet „Tag-und-Nacht-Gleiche“ oder „Äquinoktium“. An diesen beiden Tagen im Jahr, die den Beginn des Frühlings und des Herbstes markieren, sind Tag und Nacht gleich lang. Tumarkin berechnete den Winkel der beiden fünf Meter langen, parallelen U-Stahlträger so, dass an den Sonnenwendetagen die ersten und letzten Sonnenstrahlen genau durch den entstandenen Spalt fallen. Dadurch erhält die Skulptur eine kosmische, fast magische Komponente.
Tumarkin versteht seine Arbeit als „Denkmal“. Der Standort an der Weggabelung zweier kleiner Feldwege erinnert an einen Scheideweg. An solchen ambivalenten Orten wurden früher Kreuze, Andachtsstationen oder auch Galgen errichtet. Die Form der Skulptur mit ihrem hölzernen Querbalken, von dem ein rot bemaltes Lot herabhängt, erinnert an ein Kreuz. Der jüdische Künstler, 1933 in Dresden geboren und 1935 mit seiner Mutter nach Palästina geflüchtet, betrachtet das christliche Kreuz als ein wichtiges Element seiner interkulturellen Verankerung.
Weitere symbolische Bedeutungen sind erkennbar: Der hintere Teil der Skulptur erinnert an einen rostigen Pflug, der auf friedliche Bewirtschaftung der Erde, Fruchtbarkeit und bäuerliche Arbeit verweist. Bunte Plastikbänder sind daran befestigt – in der Kultur arabischer Nomaden dienen sie als Dankessymbol für einen guten Lagerplatz. Ein Findling schließlich markiert den Bezug zur regionalen Verwurzelung und Erdverbundenheit.
Igael Tumarkin errichtet seine Skulpturen und Environments aus Erde, Holz und Stein in Israel und weltweit. Seine Werke sind in den Sammlungen des Museum of Modern Art in New York, der Tate Gallery in London und des Israel Museum in Jerusalem vertreten.
