Nikolaus Gerhart — Gegen-Steine (1982)
Jedem Findling wohnt die Eiszeit inne. Unter der Erde schlummern die Steine als stille Boten der Urgeschichte, und erst bei der Feldbestellung gelangen sie ans Licht. Mit der Landschaft der Lüneburger Heide sind sie untrennbar verwoben. Als Eingrenzungen und Marksteine finden sie alltägliche Verwendung – und doch schwingt stets auch eine mythische Komponente mit, als über Jahrtausende in sie eingeschriebenes Wissen.
Der 1944 in Starnberg geborene, in Hechendorf und München lebende Steinbildhauer Nikolaus Gerhart hat jene heidespezifischen Fundstücke metaphorisch aus der Tiefe gehoben und in die Ebene gesetzt. 1982 realisierten Gerhart und Hawoli gemeinsam das Kunst-Landschaftsprojekt „Gegen-Steine“. Im Rahmen dieses Projekts stellten die Künstler die Findlinge, die als organische, naturgegebene Formen die Heide durchziehen, den strengen, abgezirkelten und nutzorientierten Gestaltungen der Landschaft durch den Menschen gegenüber.
In seinem Beitrag „Einschnitt“ markiert Gerhart parallel eine Straße zwischen Neuenkirchen und Brochdorf sowie den Rasenstreifen, der zwischen angebauter Feldfläche und asphaltierter Wegstrecke verläuft. Auf diesem Grasstreifen hat der Künstler eine rund 45 Meter lange Einfassung aus gleich großen Findlingen errichtet. Die steinerne Struktur wird durch einen ebenso langen, präzisen Einschnitt im Asphalt konterkariert. Der Abstand zwischen Mauer und Einschnitt entspricht der Straßenbreite – die sich auf diese Weise ebenfalls verdoppelt. Die aus zerklüfteten Rundungen bestehende Steinreihung stellt sich den klaren Gliederungen von Acker- und Straßenbau entgegen und ist dabei selbst ein „Einschnitt“ in der Landschaft.
Gerhart, der als Professor für Bildhauerei an der Akademie der Bildenden Künste in München lehrte und mehrere Jahre deren Präsident war, hat europaweit Werke für den öffentlichen Raum realisiert. Indem sie zugleich Räume schaffen und durchbrechen, rücken diese Werke die spezifischen Eigenschaften gegebener Wirklichkeiten in den Blick. Auch in seiner Heide-Installation wird das Hindernis zu einem augenöffnenden Erlebnis.
