Ulrich Eller – Hörstein (1995)

Ulrich Eller, 1952 in Leverkusen geboren, beschäftigt sich seit 1978 mit Klang- und Formschöpfungen im Raum und zählt damit zu den Pionieren auf diesem Gebiet. Auf dem idyllischen Gelände des Neuenkirchener Schäferhofs arbeitet er mit subtilen Überraschungsmomenten: Ein massiver, zehn Tonnen schwerer Findling wirkt in der Landschaft der Lüneburger Heide zunächst völlig unauffällig. Umgeben von Wald und vereinzelten Bäumen steht er unmittelbar neben einer Scheune.

Erst bei genauerem Hinsehen offenbart sich die Besonderheit: Der Stein ist horizontal in zwei Hälften geteilt und mit nur wenigen Millimetern Abstand wieder zusammengefügt. Diese Zweiteilung kennzeichnet ihn als Artefakt und weckt den Verdacht, dass es sich nicht um einen gewöhnlichen Findling handelt. Tatsächlich stammt der Stein aus der Nähe von Bad Segeberg, wo Eller ihn wegen seiner skulpturalen Eigenschaften ausgewählt hat.

Beim Nähertreten wird ein weiterer Eingriff spürbar: Aus dem Stein dringen Klänge. Sie wirken verfremdet und wechseln zwischen abstrakten Überlagerungen von Alltagssounds, dem Rauschen der Aufnahme sowie erkennbaren Schleif- und Kratzgeräuschen. Immer wieder vermischen sie sich mit dem Vogelgezwitscher und dem Summen von Insekten im Außenraum. So entsteht ein klanglich definierter Eigenraum der Skulptur – eine zusätzliche Dimension.

Eller vermittelt zwischen Klang- und visueller Komponente, indem er einen Bezug zur Zeit herstellt: Die Schleif- und Kratzgeräusche sind bei der Bearbeitung und dem Transport des Steins entstanden und dokumentieren den Entstehungsprozess des Werkes. Durch den feinen, fast zeichnerisch wirkenden Spalt – der als einziger visueller Eingriff sichtbar bleibt – sowie die auditive Komponente wirkt der Findling seinem Standort enthoben und erhält eine schwebende Leichtigkeit.

Unwillkürlich klopft man mit den Handknöcheln an den Stein, um seine Authentizität zu prüfen: Das Naturmaterial selbst „klingt“ wie ein Stein, schluckt den Impuls dumpf. Die Wahrnehmung neu zu sensibilisieren und durch akustische Materialforschung eine „neue, unbekannte Wirklichkeit“ erfahrbar zu machen, ist ein zentrales Anliegen von Ulrich Eller, der 1987 auf der documenta 8 vertreten war.