Rupprecht Matthies — „ankommen“ & „bleiben“ (2003)

In Neuenkirchen werden Besucher von einem modellierten Schriftzug begrüßt: „ankommen“ lautet die Botschaft, die auf schmalen, gelegentlich von weidenden Schafen umgebenen Stelen vor einer Baumgruppe schwebt. Der verheißungsvolle Begriff, den der Hamburger Sprach-Bildner Rupprecht Matthies 2003 am Straßenrand montiert hat, bestärkt das Gefühl des Reisenden, hier willkommen zu sein. Am Ortsausgang prangt als Pendant dazu Matthies‘ Aufforderung: „bleiben“ in geschwungenen Lettern. Der Künstler hat den Abschiedsgruß „Auf Wiedersehen“, der üblicherweise an solcher Stelle zu finden ist, durch die Ermunterung ersetzt, die Stätte gar nicht erst zu verlassen. Sein Wortpaar „ankommen“ und „bleiben“ vermittelt im erweiterten Sinne die Vorstellung, dass man sich an einem Ort heimisch macht – nicht nur in Neuenkirchen. So richten sich Matthies’ Wortskulpturen, die durch die handschriftliche Anmutung der Buchstaben eine persönliche Ansprache vermitteln, an Besucherinnen und Besucher ebenso wie an Bürger von Neuenkirchen. Und sie bieten Gelegenheit, sich grundsätzlich mit der eigenen Definition von „Heimat“ und „Zuhause“ zu befassen.

Die bild- und identitätsstiftende Kraft der Worte steht im Zentrum des Werks des 1959 geborenen Künstlers. Er studierte in Hamburg, wo er auch weiterhin lebt, an der Hochschule für bildende Künste, und realisierte seine verbalen Gestaltungen europaweit ebenso wie in den USA. Seit Ende der 1990er Jahre entstehen Arbeiten im öffentlichen Raum. Matthies’ Fokus liegt auf interaktiven, partizipatorischen Projekten zu aktuellen gesellschaftlichen Fragestellungen, an denen unterschiedliche Bevölkerungsgruppen beteiligt sind. Auch die Rezipienten wirken am künstlerischen Prozess mit. Sie laden die Worte mit persönlicher Bedeutung auf, und geben ihren eigenen Wünschen, Hoffnungen, Vorstellungen darin Ausdruck. So löst sich Matthies’ „ankommen“ und „bleiben“ aus der lokalen Verankerung und wird zu einem universalen Angebot darüber nachzudenken, ob nicht jeder Mensch den Dreh- und Angelpunkt seines Daseins in sich selber birgt. In dem Fall wäre die (Lebens-)Reise Ausgangspunkt und Ziel.