Jean Clareboudt – Windberg (1981)
Jean Clareboudt wurde 1944 in Lyon geboren und starb 1997 bei einer Wanderung in der Türkei. In seinem Gesamtwerk setzte er sich intensiv mit den Spannungsfeldern von Energie und Kraft in der Natur auseinander.
Seine Arbeit in Neuenkirchen benannte er nach ihrem Standort „Windberg“. Auf Fotografien, die den Zustand des Ortes Anfang der 1980er Jahre zeigen, ist eine karge Fläche mit etwas Geröll und einzelnen Findlingen zu erkennen. Der Platz wirkt fast unheimlich: verlassen, und dennoch so, als habe hier einst etwas Großes stattgefunden, von dem nur noch schwache Spuren geblieben sind. Der Künstler nahm diese besondere Atmosphäre auf und verstärkte sie, indem er den Ort zu einer Kultstätte umdeutete. Es entsteht „[…] ein bestimmter, sich ständig wandelnder Ort, der die Aktionen der Elemente und den Ablauf der Zeit sichtbar macht und verstärkt […]“, wie Clareboudt selbst beschreibt.
Auf dem kleinen Moränenhügel platzierte der Franzose drei große Findlinge und eine monumentale Eisenscheibe mit einem Loch in leichter Schräglage. Um diesen Mittelpunkt herum wurde ein Steinkreis aus unterschiedlich großen Findlingen angeordnet. Der Weg zum Zentrum erfordert vorsichtiges Vorankommen. Hat man ihn erreicht, erscheint die Eisenplatte als Konzentrationspunkt der sie umgebenden Naturkräfte: Sie speichert die Sonnenhitze, lässt den Wind hörbar werden, der durch das Loch rauscht, und den Regen, der auf das Metall trommelt. Clareboudt bezeichnet die Scheibe als „Table d’écoute“, als Horchtisch.
Neben den auditiven Elementen verdichten sich darin auch die visuellen, flüchtigen Erscheinungen von Energie, weshalb Clareboudt sie auch als „Plaque sensible“ – Spurenplatte – bezeichnet. Die fortschreitende Korrosion des Metalls färbt die umliegenden Steine rostig. Raureif, Morgentau, Frost oder Schatten manifestieren Wärme und Kälte. Obwohl die Arbeit meditative Ruhe ausstrahlt, ist sie gleichzeitig von ständiger Bewegung geprägt. Clareboudt lässt die Trennung von Natur und Kunst gar nicht erst aufkommen, sondern zeigt beides als Teil einer größeren, übergeordneten Einheit von Energie- und Zeitfluss.
