Tony Cragg – Holzkristall (2000)

Der Titel „Holzkristall“ irritiert zunächst. Zwar ist Tony Craggs hoch aufragende Außenarbeit aus Holz oder genauer gesagt aus Kerto, einem extrem festen, auch von der Bauindustrie gern verwendeten Holzwerkstoff hergestellt. Aber im landläufigen Sinne kristallin also spitz, scharfkantig oder gezackt ist an ihr gar nichts. Im Gegenteil: Wie alle seiner zahlreichen für den Außenbereich entstandenen Säulen, zeichnet sich auch diese durch eine zum Berühren einladende, glatte und dem Tastsinn schmeichelnde Oberfläche aus. Der 1949 in Liverpool geborene und seit 1977 in Wuppertal lebende britische Künstler und Turner-Preis-Träger will Formen schaffen, „die weder in der Natur noch in unserer funktionalen Welt existieren“. Auf dem Gelände eines ehemaligen Freibads am Dorfrand von Tewel platziert, will Craggs Skulptur erst einmal gefunden werden. In unmittelbarer Nachbarschaft befinden sich ein künstlich angelegtes Feuchtbiotop, ein Grillplatz und eine Kindertagesstätte. Kein ganz einfaches Umfeld. Aber Craggs aus 46 Scheiben zusammengesetzter, fein geschliffener und mahagonirot lackierter Turm behauptet sich. Wer ihn umrundet, sich nähert und wieder entfernt, sich vielleicht auch in die Hocke begibt oder auf die Rasenfläche legt erlebt ihre beeindruckende Vielansichtigkeit. Ähneln manche Details der Skulptur vielleicht eher gigantischen Schachfiguren oder den stark abstrahierten und geometrisierten Körperformen in Oskar Schlemmers 1922 uraufgeführtem „Triadischen Ballett“, so ergibt sich in der Gesamtsicht eher der Eindruck eines um eine schräge Achse rotierenden menschlichen Ganzkörperprofils. Und am Ende passt auch der Titel wieder. Physiker nämlich verstehen unter einem Kristall jeden stofflich einheitlichen, homogenen Körper. Sei seine Oberfläche nun gezackt, flächig oder wie bei Tony Craggs amorphen Formsynthesen aus Natur und Technik ebenso elegant wie weltentrückt.