Stefan Kern — Treppe (2003)
Strahlend weiß überspannt Stefan Kerns „Treppe“ einen kantigen Bogen über einen schmalen Graben zwischen Weges- und Wiesenrand. Die begehbare Skulptur des 1966 geborenen Hamburger Künstlers sticht nicht nur farblich aus der Umgebung hervor. Wie ein Museumsstück, das sich in den Außenraum der Landschaft verirrt hat, ordnet sie zugleich die natürliche Umgebung durch ihre fast abstrakt wirkende formale Stringenz. Um sie herum gewinnt das Terrain an Kontur, das selbst als vom Menschen gestaltet sichtbar wird: ein kultiviertes Areal, auf dem Kühe neben asphaltierter Wegstrecke weiden, eingerahmt von Buschwerk und Waldstück. Kerns „Treppe“ fungiert in dieser Hinsicht auch metaphorisch als Übergang zwischen Natur und Kultur, zwischen Feld und Straße, zwischen organischem Wachstum und Befestigung, zwischen Bewegung und Stillstand. Zugleich dient die „Treppe“ als Aussichtsplattform, von der aus zwei Personen Seite an Seite oder Rücken an Rücken in alle Himmelsrichtungen blicken und dabei die Kluft zwischen menschlicher und natürlicher Sphäre buchstäblich überbrücken können.
Kern absolvierte sein Kunststudium von 1988 bis 1993 bei Per Kirkeby, Ulrich Rückriem und Franz West an der Staatlichen Hochschule für Bildende Künste – Städelschule in Frankfurt am Main. Er selbst lehrte in Hamburg, Kassel und Straßburg. Seine oft interaktiv konzipierten Skulpturen, Objekte und Installationen in einheitlicher weißer Farbgebung oszillieren zwischen Designgegenstand und Architektur, wobei auch die Verschiebung zwischen Kontexten und Materialitäten eine zentrale Rolle spielt. Der Künstler realisierte Baumhäuser, Sitzbänke und andere nutzbare Konstruktionen für Innen- und Außenräume. Symmetrie, das Modulhafte und Prototypische verbinden seine auf das Wesentliche reduzierten Figurationen. Kerns „Treppe“ ist tatsächlich eine solche Skulptur, verweist gleichzeitig aber auch metaphorisch auf eine Überwindung von Gräben – zwischen künstlerischen Gattungen ebenso wie zwischen dem Menschen und dem natürlichen Environment, in dem er sich niederlässt und heimisch wird.
